Bücher "Organisches Bauen und Gestalten" |
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Der Bauimpuls Rudolf Steiners und die organische Architektur im 20.Jahrhundert.
247 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, kartoniert
ISBN 3-7725-1897-4
Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 2001; ca. 35,- EUR
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Drei Aspekte ergänzen sich unter dem Titel des Buches »Organische Architektur« zu einem Gesamtbild. Einmal zeichnet darin Pieter van der Ree die historischen Entwicklungslinien menschlicher und organischer Architektur nach. Andermal bildet in diesem Zusammenhang der anthroposophische Bauimpuls von Rudolf Steiner einen besonderen Schwerpunkt. Schließlich folgt drittens ein Kaleidoskop von Beispielen heutiger Erscheinungsformen organischer und anthroposophischer Architektur weltweit, das einen Überblick von der Ausstellung »Architektur der Wandlung« vermittelt, die im Jahr 2000 im Dornacher Goetheanum gezeigt wurde.
Mensch und Architektur bedingen einander. Leib, Seele und Geist des Menschen finden in der Architektur Entsprechung. Mit der Überwindung der Schwerkraft und im Tragen von Lasten übernimmt die Säule der griechisch-römischen Architektur die leibliche Organisation des Menschen. Die romanische Architektur erfasst das Seelische des Menschen und gibt ihm Geborgenheit. Die aufstrebende Formkraft der Gotik hebt den Menschen zum Geistigen empor. Als diese Verbindungen, in die immer das Göttliche einwirkte, sich mit dem Ende des Barock im 18.Jh. auflösten, stand der Mensch nicht mehr wie bisher in der Architektur selbst, sondern trat ihr auf dreierlei Weise gegenüber. Die Wiederholung und Erneuerung des Gestrigen im Stilistischen des 19.Jh. war der eine und traditionelle Weg. Der andere und neue führte zur Rationalität des Konstruktiven, Funktionalen und Objektiven der geometrisch- kubistischen Moderne. Daneben aber lief – gerne negiert – die emotional-expressive Strömung einer neuartigen organischen Architektur, die den ganzen Menschen im Fühlen, Denken und Wollen erreichte. Hier setzte Rudolf Steiner ein und errichtet mit dem Bau des 1. und 2.Goetheanums in Dornach wegweisende Zeichen zu einer anthroposophischen Architektur. Sie folgt einem ganzheitlichen Menschenbild und dem von Goethe vorgebildeten naturwissenschaftlichen Denken und Gestalten in morphologischen Prozessen.
Pieter van der Ree beschreibt ausführlich die Entwicklungswege des organischen Bauens mit dem Werk der Architekten Louis Henry Sullivan, Frank Lloyd Wright und Antoni Gaudi bis hin zu Erich Mendelsohn, Hans Scharoun, Hugo Häring und Le Corbusier mit der Wallfahrtskirche Ronchamp, die die organischen Architekturströmungen im 19. und 20.Jh. bestimmen. Eine reiche und farbige Bildauswahl begleitet den Text und zeigt die Vielfalt der Erscheinungsformen organischer Architektur auf, die den Irrtum nachweisen, in den expressiv-dynamischen Ausdrucksformen und dekonstruktivistischen Strömungen der digital erzeugten Formen und Oberflächen zeitgenössischer Bauten organische Architektur sehen zu wollen.
Die Fülle internationaler Beispiele beweist, was organische Architektur ist und sein kann. Die Bauten aus den deutschsprachigen Ländern Schweiz, Österreich und Deutschland sind dem Dornacher Bauimpuls eng verbunden, entwickeln sich aus der Landschaft, den sozialen Bezügen in Schulen, Wohn- und Siedlungsbauten. Organisches Entwerfen und plastisches Gestalten von Produkt- und Interior-Design geben den Zügen des InterRegio und der ersten Generation des ICE jene Entsprechung zum Menschen und dessen Bedürfnissen, die deren Erfolg ausmachen.
Organische Architektur präsentiert sich dagegen in den Niederlanden offener, freier und sozialer und gewinnt in den zehn Türmen der ING-Bank in Amsterdam von Alberts und Van Huut monumentalen Ausdruck. Belgien zeigt sich vielgestaltig und scheint die Erinnerung an die Blüte der Art Nouveau nachzuwirken zu lassen. Nur bescheidene und kleinere private Bauten kommen aus Frankreich. Skandinavien ist reich an organischer Architektur. Finnland besitzt eine eigene Tradition an organischer Architektur, die im Werk von Alvar Aalto vorgebildet ist. Eric Asmussen aus Schweden entwickelte in Järna ein Zentrum anthroposophisch ausgerichteter, eigenständig organischer Architektur und im norwegischen Stavanger übersetzt beispielhaft ein Schulbau die örtliche Holzbautradition in organische Architektur. Organisches Bauen in Amerika definiert sich im Verhältnis zur Umwelt, Landschaft, Fauna und Flora neu, gewinnt im Zusammenhang mit Gesellschaft und Geschichte eine besondere Qualität. Die Beispiele organischen Bauens aus Japan überraschen und finden in der Ohkuma-Erinnerungshalle in Saga von Kenji Imai zu eigenwilligem Ausdruck.
Wie in Australien und Neuseeland aus der Landschaft, aus Natürlichkeit
und Ganzheit, in Übereinstimmung mit den Menschen, deren Geschichte und
Kultur, sich organische Architektur herausgebildet hat, überzeugt in
seiner Ursprünglichkeit und macht nachdenklich, den Begriff des Organischen
von Architektur in Raum und Zeit im Verhältnis zum Menschen neu zu bedenken
und zu definieren. Diese Erwartung ist das eigentliche und besondere Anliegen
dieses Buches.
Paulgerd Jesberg